Dekanatsmuseum Grünstadt

Im Anbau der Grünstadter Martinskirche - Kirchengeschichte der Leininger

Innenansicht Dekanatsmuseum Grünstadt

Die 250jährige barocke Martinskirche in Grünstadt ist nicht nur das Wahrzeichen dieser ehemaligen Residenzstadt der Leininger Grafen. Der frühere Dekan Theo Herzer und seine Frau Shirley haben in einem Anbau über den Grüften der Leininger Grafen viele Jahre museale Kirchenschätze aus dem Leiningerland zusammengetragen, die eine Art Kirchengeschichte dieser Region zwischen der gräflichen Stammburg Altleiningen im Pfälzerwald bis fast vor die Tore der Reichsstadt Worms erzählen.

Im Kirchenschiff

Schon im Schiff der Martinskirche, die im Laufe der Jahrhunderte das vierte Gotteshaus an diesem Standort ist, finden sich interessante Stücke. Zum Beispiel ein Holzrelief von 1550, aus der früheren gotischen Kirche (das Original ist im Museum zu Speyer), ein Teil des mittelalterlichen Altars. Zu sehen sind eine Taufstein-Nachbildung aus dem 16. Jahrhundert und Bronzeschilder der Leininger Grafen (sie residierten im Leiningerland von etwa 1070 bis 1793 (in Grünstadt ab 1707) und waren bei den salischen und staufischen Kaisern eine wichtige Macht im Zentrum des Reiches.

Grabstein von Gräfin Jolanthe

Betritt der historisch und kirchlich interessierte Besucher den Anbau - unter Führung - trifft er als erstes auf vier Grabplatten früherer Herrscher der Leininger Region. Besonders erwähnenswert der von Gräfin Jolanthe (um 1250) oder Graf Philipp Jakob (1572-1612). Sein Stein, aus Altleiningen stammend, wurde kurz vor Ausbruch des 30jährigen Krieges wohl in den politischen Wirren vergessen, diente viele Jahrhunderte als Brücke über den Leinbach und stand 100 Jahre in der Gasstätte "Jakobslust" in Grünstadt, die nach diesem Grafen wie die Straße ihren Namen hat.

Die "Grafenstube"

Das Obergeschoß ist seit der Renovierung von 1986 als "Grafenstube" ausgewiesen. Eine ganze Reihe Bilder der barocken Grünstadter Malerfamilie Schlesinger (um 1760), aus der Kirche von Kirchheim an der Weinstraße stammend, zieren die Längswand. Ähnliche Bilder finden sich noch in Altleiningen und dem Grünstadter Ortsteil Sausenheim.

Der Kenner wird den Blick auf einer Holzfigurengruppe über der Treppe verweilen lassen: Auch aus Kirchheim kommt diese Darstellung der Anna Selbdritt (ca. 1500), es fehlt allerdings das Jesuskind. Holzornamentik von der Orgel und ein Holzkapitel aus dem benachbarten Wattenheim ergänzen unter anderem diese Ecke.

Einzigartige Sanduhr von 1730

Eines der Prunkstücke, in einer Vitrine sicher verwahrt, ist eine Sanduhr aus dem Jahr 1730, einzigartig im südwestdeutschen Raum. Viele Jahrzehnte hing sie an der Kanzel der Martinskirche und nach dem 2. Weltkrieg zunächst in der Grünstadter Friedenskirche. Seit einer Nassau-Weilburgschen Konsistorialverordnung von 1749 waren solche Zeitmesser an der Kanzel angebracht, damit die Geistlichen nicht länger als 45 Minuten predigten. Sogar Martin Luther soll eine solche Sanduhr in Wittenberg genutzt haben.

Seltenes Gesangbuch

Die Vitrinen bergen noch mancherlei Schätze für alle, die aus dem hier Gesammelten etwas über die Geschichte dieses Teils der Pfalz erfahren und lernen wollen. Zum Beispiel das Lexikon von 1716, eine alte Bibel von 1614 oder ein Gesangbuch mit über 1100 Seiten und 959 Liedern aus dem Jahr 1757 - übrigens hergestellt in der Grünstadter Gesangbuchfabrik J. Gg. Nuglisch.

Abendmahlkelche

Aus dem Jahr 1726 stammen zwei Abendmahlkelche zweier Gräfinnen, von 1731 ein Brotteller, dessen Deckel wohl zu einer lutherischen Hostienschale gehörte. Einmalig in der Pfalz, aber rätselhaften Ursprungs ist eine kupferne "Taufschale" (feuervergoldet) aus Battenberg.

Zahlreiche Dokumente belegen die (Kirchen-)Geschichte des Leiningerlandes; so die Gründungsurkunde der Friedenskirche in der Grünstadter Neugasse oder die der gotischen Martinskirche (1494) sowie das hochinteressante Schriftstück von 1214, das uns über einen Streit des Abtes von Glandern (bei Metz) mit dem Bischof von Worms erzählt.

Wein: Jahrgang 1760

Und da liegt eine unscheinbare braune Flasche: Gefunden in einem Steintrog während der Renovierung der Kirche von Tiefenthal, etwas westlich von Grünstadt. Der Wein, der einmal darin war, hatte wohl ungefähr den Jahrgang 1760. Das Glas selbst trägt das Datum 24. August 1767. Diese Flasche ist nur die Schwester einer für dieses Museum noch wertvolleren: Im Tresor im Erdgeschoß verwahrt liegt das zweite Exemplar, wohlgefüllt. Geöffnet werden soll sie nicht, da widerstand man bisher allen Bitten der forschungsbegierigen Weinhistoriker: Denn nur so bleibt sie einmalig: Sie ist die älteste, volle und nichtgeöffnete Weinflasche der Pfalz. Ein Stück Original-Kork (damals gerade vom Mönch Dom Perignon erfunden) blieb erhalten sowie Münzen aus 1766.

Einmalige Kelche

Im Tresor verwahrt das Grünstadter Dekanatsmuseum auch zwei für die Pfalz einmalige Kelche aus getriebenem Silber (feuervergoldet) aus dem Jahr 1480, von Battenberg stammend (Inschrift "Jesus" und "Maria") sowie einen Kelch aus Kirchheim (Inschrift "Ihesus") mit passendem Teller (1742).

Das Glockenspiel

Zu bestimmten Zeiten drückt der Dekan auch gerne für die Besucher im erhaltenen romanischen Teil des Turms der Martinskirche auf einen grünen Knopf. Dann freut er sich, wie Mittelalter und High-Tech der Neuzeit harmonieren. Das in der Pfalz einzigartige Glockenspiel ertönt dann mit einer (von 100 verfügbaren) bekannten Weise (zum Beispiel "Oh when the Saints... ) über Grünstadt.


Informationen:
Dekanatsmuseum Grünstadt
Kirchheimer Straße 2
67269 Grünstadt/Pfalz
Telefon: 06359/2201

geöffnet: Nur nach Vereinbarung

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