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Der Heilige St. Urban, Schutzpatron des Weins seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, empfängt den Besucher im Erdgeschoß des historischen barocken Rathauses zu Deidesheim in der Eingangshalle, thronend über einem 80 Jahre alten, wurzelechten (eine Rarität) Rebstock "roter Traminer" aus Niederkirchen, der Keimzelle von Deidesheim im Spätmittelalter. Das Museum für Weinkultur wurde im Mai 1986 eröffnet. Weinbaumuseen gibt es viele, in Deidesheim steht die Kultur, die vielfältige Beziehung zwischen menschlicher Betätigung und dem Wein im Mittelpunkt. Sicher ist der Weinbau, die Arbeit des Winzers also, Bestandteil dieser Kultur; doch auch Religion und Literatur, Kunst, Medizin und Wirtschaft sind eng mit dem Produkt aus Trauben verbunden. So ist ein Rundgang thematisch und nicht zeitlich aufgebaut.
Weingläser und Krüge von der Antike bis zur Gegenwart erblickt der Gast in den Vitrinen der Eingangshalle. Scherben und Töpfe aus dem fürstbischöflichen Schloß geben auch einen Einblick in die Geschichte. Der Formenreichtum der Gläser fasziniert, gerade auch der Ziergläser, die nicht unbedingt zum Trinken gedacht sind. Ein Beispiel sind die wertvollen "gesponnenen Gläser" aus einem aufgedrehten Glasfaden, eine Stiftung von Ingeborg Siben, der Nachfahrin eines Deidesheimer Bürgermeisters. Oder die "Glasmusik" aus Österreich. Natürlich ist auch der "echte Pfälzer Schoppen" ein Halb-Liter-Glas dabei (und ein "Betrugsschoppen" mit nur 0,4 1 Fassungsvermögen).
Zwei geschnitzte Faßböden, einer bemalt vom Kunstmaler Eduard Klug, der lange in Deidesheim lebte, "bewachen" den Eingang zum Kellergewölbe, in dem eine Flaschenwand den Blick anzieht (Weine von Bockenheim bis Schweigen, die ganze Deutsche Weinstraße entlang, sind ausgestellt). Hier findet sich auch eine reiche Sammlung von Korkenziehern.
Zur alten Keramik zeigt eine Vitrine die neue Keramik, glasiert mit Rebholzasche der wohl bedeutendsten Künstlerin, die sich in Deidesheim niedergelassen hat: Lotte Reimers, deren Keramikmuseum das Land Rheinland-Pfalz kaufte und das seit 1994 in Trier steht. Hier war auch die Probierstube der Deidesheimer "Ambtmänner". Gleich daneben die "Schatzkammer" mit Kostbarkeiten wie einem griechischen Schnabel (2000 Jahre alt, Leihgabe vom Weingut Bürklin-Wolf, Wachenheim) oder eine römische Glasamphore. Die Literaturzusammenstellung hat auch die Doktorarbeit von Theodor Heuss, dem 1. Bundespräsidenten, der über die "Weingärtner" in Heilbronn promovierte.
Steigt man die Treppen in die nächsten Geschoße hinauf, so begleitet einen die Deutsche Weinstraße wiederum von Schweigen (an der französischen Grenze) bis Bockenheim (an der Grenze der Pfalz zum Weinbaugebiet Rheinhessen). In Ölbildern, gemalt von der Künstlerin Anita Büscher im naiven Stil, werden die schönsten Ansichten der romantischen Weinorte an den 80 km "Saumpfad der Glückseligkeit" lebendig.
Dem "Jahr des Winzers" ist der Figurenraum im 1. OG gewidmet. Die praktische Arbeit im Weinberg wird dargestellt. Reberziehung damals und heute, eine kleine Küferei mit Eichenfässern, die Weinpresse und die Logel (diese Hotte wiegt allein 20 kg und faßt 41,5 kg). Stellt man sich das Gewicht auf dem Rücken vor, ist der Beruf gar nicht mehr so romantisch gewesen, wie es hier zunächst aussieht. Die Kellerarbeit ist dargestellt und die Weinkommissionäre von Deidesheim prüfen das Produkt. Bilder des pfälzischen Kunstmalers Strieffler zieren die Wand.
Im Flur davor ist auf großen Tafeln der Siegeszug des Weinbaus über die Welt vom 8. Jahrtausend im Euphrat-Tigris-Delta bis heute dargestellt. Von Mesopotamien (6000 v.Chr.) erreicht die Rebe um 3000 v. Chr. Ägypten und Phönizien, dann Griechenland (2000 v.Chr.) und Italien (1000 v.Chr.). Die Römer schließlich brachten die Weinbaukunst an den Rhein (200 n. Chr.), Wildreben standen schon hier. Um 1520 wurde Wein in Mexiko und Japan angebaut, um 1580 in Argentinien und ab 1813 in Süd- und Westaustralien. Hauptanbauzone ist nördlich und südlich des 50. Breitengrades (Mainz).
In einer Vitrine vor den Karten liegt eine versteinerte Wildrebe, 50 Millionen Jahre alt, aus Oregon/USA stammend. Rebkerne vom römischen Weingut bei Bad Dürkheim-Ungstein aus dem 3. Jahrhundert n.Chr. führen zur Weinchronik von Deidesheim mit den Weinen von 1626 bis 1861 und wieder bis 1900 (zuletzt nur Rieslingweine, dem König der Rebsorten gewidmet). Herausgeber war der damalige Wirt der "Kanne", dem ältesten Gasthaus der Pfalz, genau gegenüber dem Rathaus und Weinmuseum.
"Die drei Zustände des Weintrinkers" leiten hin zur Medizin und der Geschichte des Trinkens. Schon Paulus hat im Brief an die Epheser gewarnt: "Saufet Euch nicht voll Wein". Und Sebastian Franck im 16. (dem Zech-)Jahrhundert: "Das deutsche Volk sauft unchristlich Wein, Bier und was es hat". Dass Wein gesund ist ("mäßig getrunken schadet er auch in großen Mengen nicht", sagen die Pfälzer), kann in der Abteilung Medizin ein Rezept aus Bayern belegen, wo am 20. März 1893 ein Dr. Maier in Weissenburg am Sand aufschrieb: „Frau Marie Kraft bedarf einer Flasche Deidesheimer Weines" und der Apotheker Artur Binkert dies einlöste. Auch zum Gott Eros besteht eine enge Beziehung des Weins. Schon Aphrodite und Dionysos verfielen ihm, zahlreiche Beispiele über Wein und Liebe bereichern die Schautafel.
Der Religion, und besonders dem Hl. St. Urban, ist ein Saal gewidmet. Eine ca. 120jährige St. Urban-Fahne fängt den Blick ein. Zu finden ist, wie die Klöster nach dem 30jährigen Krieg wieder Wein anbauten. Dieter Graff erfaßte in einem Büchlein allein 60 Weinheilige und seine Frau veröffentliche dazu einen Band mit 40 Madonnen, die mit dem Wein zu tun haben. Rebornamente auf Meßgewändern weisen auf die Hochzeit von Kanaan oder den Wein als Bestandteil des christlichen Abendmahls hin.
Im früheren Bürgermeisterzimmer hängen sie alle, die Deidesheim seit 1894 regierten. Dazu Pfalz- und viel Weinliteratur, besonders wird der interessierte Gast auf die Sammlung Pfälzer Mundart hingewiesen.
Aus der Lage "Paradiesgarten" machte Bürgermeister Stefan Gillich etwas besonderes: Er erklärte ihn zum Prominenten-Wingert und eine Stiftung verpachtet alljährlich einen Rebstock an berühmte Zeitgenossen. Deidesheim, durch Bundeskanzler Helmut Kohl zu Weltruhm durch seine politisch-hochrangigen Gäste bekannt geworden, steht so in ständigem Kontakt zum Beispiel mit Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, aber auch Künstler sind unter den bisher 98 Pächtern (220 Stöcke hat der Weinberg). Allen wird jährlich eine Flasche "Ihres" Weins geschickt.
Auch die "Turmschreiberei" hat ihren Platz im Museum. Alle zwei bis drei Jahre wird ein Literat ausgewählt (zuletzt 1996), der sich in einem sanierten Turm der alten Deidesheimer Schloßbefestigung niederläßt und über Deidesheim und die Pfalz schreibt (zum Beispiel Wolfgang Altendorf, Rudolf Hagelstange oder Herbert Heckmann, dessen Weinpredigten gern gelesen werden), Zum beträchtlichen Honorar gibt es ein tägliches Deputat an Wein. Auch so wird die 5000 Einwohner zählende Weinstadt Deidesheim ihrem Ruf als Kulturstadt für die Pfalz gerecht. Ein Deidesheimer erhielt bereits den Deutschen Weinkulturpreis: Dr. Theo Becker, Ordensmeister der Weinbruderschaft der Pfalz, steht hier in einer Reihe mit Carl Zuckmayer und Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl.
Im 2. OG finden sich Münzen und Medaillen, die Prägungen mit Weinbezug haben, ebenfalls von der Antike bis heute und geliehen von der Gesellschaft für Geschichte des Weins in Wiesbaden (Vorsitzender: Dr. Fritz Schumann aus Ungstein). Briefmarken gibt es natürlich auch ungezählte zum Thema Wein - und dann natürlich Weinetiketten. Schöne alte, bunte neue. Besonders wertvoll für Sammler: fünf Etiketten aus der berühmten Serie von Chateau Mouton Rothschild. Ein weiteres Zimmer zeigt noch mal figürlich die Wohnkultur einer Winzerfamilie um die Jahrhundertwende mit Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer.

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